Bericht: Frauenführung Stiftsbibliothek

Ort
Stiftsbibliothek St. Gallen
Datum
16. April 2016 15:00 Uhr

An der Wiege schriftlicher Überlieferung

Syndicom-Frauengruppe besuchte die Stiftsbibliothek in St. Gallen

Eigentlich machen 170’000 stramm stehende Buchbände keinen Lärm. Optischen Bekanntheitsgrad erlangte die in liebevoller Bewunderung «StiBi» genannte Institution durch ein einziges unverkennbares Foto, das längst zu deren Markenzeichen avancierte.

Der Kamera-Blick streift sanft an perfekter Wölbung der riesigen Erdkugel vorbei und verliert sich im leicht abgedunkelten und sehr hohen Raum, in dem über die Höhe zweier Etagen abertausende von Büchern warten. Farblich und vom Format her ohne aufdringlichen Zwang geordnet – in edlem, matt schimmernden Holz und sinnlich geschwungenem Stil gefasst. Gedanken an Drill oder Zwänge lässt das harmonische Bild nicht aufkommen, doch, die Frage nach dem geheimen Ordnungsprinzip schwirrt  sogleich in den Köpfen der Besucherinnen. Zum Glück erfolgte eine entsprechende Warnung im Garderobebereich: der Raum zeigt sich bei all der optischen Wärme im Sinne des wertvollen Papiers auf der Haut bedenklich kühl.

Ausgeklügelte Ordnung

Schier Lautlos, scheinbar von unsichtbarer Hand gelenkt, bewegen sich zeitgleich vier oder fünf Besuchergruppen durch den schönsten Rokoko-Saal der Schweiz. Die Frage, wie sich dieser unermesslich reiche Schatz ordne, liegt in unzähligen Augenpaaren: streng dem Alphabet folgend oder mittels ausgeklügelter Nummernvergabe... — an Zettelwirtschaft mag da niemand glauben. Dennoch, es ist eine Kombination all dieser Möglichkeiten: im Zenith der Schrankgiebel prangen Buchstaben, die einzelnen Bereiche im Schrank folgen alphabetischer Unterteilung. Die ultimative Feinarbeit jedoch geschieht tatsächlich mit handschriftlichen Notizen auf winzigen und farblich unterschiedlichen Zettelchen. Dies funktioniert so seit vielen Jahren!

Die Gründung des Benediktinerklosters St. Gallen im Jahre 612 wird dem irischen Mönch Gallus zugeschrieben. Das Kloster ist längst Geschichte, die Stiftsbibliothek wurde 1983 ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. Als «Seelen-Apotheke» bezeichnet das in griechischer Sprache gehaltene Schild den Schatz und trifft mit dem vermeintlichen Kalauer ins Schwarze. Denn die Mönche des alten St. Galler Klosters forschten um all die Geheimnisse ihres Menschseins, in gesundheitlicher, psychischer und feinstofflicher Sicht. Die Himmelskörper, der Lauf der Jahreszeiten, die Elemente gehörten dazu. Erste Forschungen auf medizinischem Gebiet galten den menschlichen Körperflüssigkeiten. Die Mumie «Schepenese» ist über 1260 Jahre alt. Sie starb als 15jähriges Mädchen, der lose über sie gelegte Papierbogen bildet ihr diskretes Laken.

Multifunktionales Wunderwerk

Staunen löst der alte Plan der klösterlichen Bauten und Einrichtungen aus, der auf Tierhaltung und Ackerbau deutete. Das Kloster diente den Reichen der Stadt als Elite-Internat, war Spital und Aderlass-Haus. Ein Kranker nämlich durfte baden und Fleisch essen. Allein die Herstellung der grössten Bibel forderte die Häute von 200 Tieren. An Buchdruck war noch lange nicht zu denken: bis um das Jahr 1000 entstanden Bücher aus abertausenden mit Feder und Tusche fein von Hand kalligraphierten Zeichen. Bis heute sind  diese Schätze für Schriftkundige «lesbar».

Der über zwei Meter hohe Himmelsglobus bildet den Endpunkt der Besichtigung. Dass die Umrisse von Kontinenten und Ländern einen leisen Hauch von Unbeholfenheit erkennen lassen, erstaunt nur wenig: Gebirge, Flussläufe und Wälder und Wüsten sind erkennbar. Vielmehr fragt sich der Betrachter, wie zur Zeit der Entstehung im 16. Jahrhundert diese perfekte Kugelform getroffen wurde. Das Original steht heute im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich. Und es lässt sich dank des kunstvoll aus Holz geschnitzten Scharniers bis heute zum genauen Betrachten drehen.

 

Uschi Meister, Freie Journalistin, Arbon