Bericht Nachtwächter Führung, Appenzell, Sektor 1 aktive

Ort
Appenzell
Datum
20. Oktober 2017

Eine Gruppe von zehn aktiven Mitgliedern der Gewerkschaft syndicom aus der Region St. Gallen trafen sich um 19.00 Uhr auf dem Landsgemeindeplatz in Appenzell.

 

Herbert Jochum, Leiter Sektor 1 und Co-Präsident Sektion Ostschweiz begrüsste die anwesenden und sagte: Wir bewegen uns jetzt zum Hotel Säntis zu einem kleinen Apéro und anschliessend dann zur Führung durch das historische Appenzell.

 

In einer kleinen Ansprache erwähnte Herbert Jochum die grössten Baustellen der Post, unteranderem PostFinance und Poststellen Schliessungen. Um 20.30 Uhr bewegten wir uns dann zum Kirchenplatz und warten gespannt auf das was folgte.

 

Ein Mann mit Schlapphut und schwarzen Umhang kniet sich beim Landsgemeindeplatz im Dämmerlicht nieder, entzündet die Kerze einer Laterne. Das letzte Detail für Sepp Brülisauers Rolle des Nachtwächters. Gekleidet in historische Gewänder, ausgerüstet mit einer Hellebarde und der Plakette, die ihn als Amtsperson kenntlich macht, schreitet der Appenzeller durch die Hauptstrasse zur Kirche. Dort wartet er auf seine Gäste, an diesem Abend eine Gruppe von zehn aktiven Mitgliedern der Gewerkschaft syndicom Sektion Ostschweiz Region St.Gallen. Sie haben die «Nachtwächter-Führung» gebucht.

 

Der Nachtwächter war zu seiner Zeit eine Art Dorfpolizist, ermahnte zur Nachtruhe und rief die Bewohner um drei Uhr zur Tagwache. Die vollen Stunden musste er vor dem Haus einer Obrigkeit ansagen, so dass sein Wirken kontrolliert werden konnte.

 

Die Glocke der Kirche St.Mauritius schlägt. «Hört ihr Leute, lasst euch sagen, unsere Uhr hat neun geschlagen. Passt guet aufs Feuer und aufs Liecht, dass kei Unglück gschiecht. Gelobt sei Jesus Christ», begrüsst Sepp Brülisauer die Gruppe mit den überlieferten Worten. Er fordert sie auf, sich ins Jahr 1560 zu versetzen: «Es ist der 18. März – und Appenzell brennt.»

 

 In einer dunklen Ecke, abseits der Hauptgasse, beim einstigen Gasthaus Ochsen: «Hier könnte der Ursprung des verheerenden Dorfbrandes gewesen sein», erzählt der 45-Jährige. Eine Buttersiederin habe ihre Arbeit unterbrochen, um in der Nachbarschaft einen Schwatz zu halten. Die Butter sei überlaufen, das Herdfeuer aufgeflackert, und der Föhn habe das Übrige getan. Ob Appenzell wegen der Schwatzhaftigkeit dieser Frau gebrannt hat, darüber werde bis heute spekuliert. Im Laufe der Führung berichtet Sepp Brülisauer auch vom Schicksal eines Fridli Schnider, der unter Folter gestand, an mehreren Stellen Schwarzpulver gestreut zu haben. «Gstreut han i's, aber azönnt nüd», ahmt er Fridlis Geständnis nach.   

 

«Ich will die Leute unterhalten und den Dialekt pflegen», sagt der Appenzeller. Die Gäste verstehen in der Regel, was er im breiten Innerrhoder Dialekt erzählt. Gerade Gäste aus Süddeutschland schätzten diese Authentizität. Den Text ins Hochdeutsche zu übersetzen, sei anspruchsvoll. «Die Witze wirken nicht gleich, und für manchen träfen Ausdruck, etwa den <osubere Hosli> gibt es keinen passenden Begriff», sagt Sepp Brülisauer.

 

 

 

Wo heute die Schaufenster der Hauptgasse hell erleuchtet sind, wo alles herausgeputzt ist, befanden sich früher wohl Stallungen, wurde in einer offenen Rinne der Unrat durch die Gasse zur Sitter geführt. Sepp Brühlisauer stellt sich während den einstündigen Führungen oft vor, was der Nachtwächter in den Gassen des Dorfes einst antraf. «Für einen Tag liesse ich mich gerne in die Zeit des Dorfbrandes von Appenzell versetzen», sagt er. An diesem Abend liess er als Nachtwächter für seine Gruppe ein Stück Appenzeller Geschichte lebendig werden.